Halle (Saale) - Neustadt

> zurück


Wohnungen ursprünglich errichtet: 33.500 WE

Wohnungen aktuell: 28.044 WE

Bauzeitraum:  1963 - 1990


Die eigentliche (Stadt-)Geschichte begann 1958 mit einer Konferenz des ZK der SED zum Thema „Chemieprogramm der DDR“, auf welcher die Ansiedlung von Arbeitskräften in der Nähe der Chemiestandorte Buna bzw. Leuna beschlossen wurde. Am 17. September 1963 begann der Aufbau der „Chemiearbeiterstadt“ - von den Einwohnern meist kurz Neustadt oder „Ha-Neu“ genannt. Der Planungsname lautete anfangs allerdings „Halle-West“, wurde dann aber aus politischen Gründen verworfen.


Das Stadtplanungsgebiet wurde in größerer Entfernung (abseits der Abgasfahnen) von den eigentlichen Chemieanlagen auf einem eher bedenklichen Standort errichtet: Im Auenbereich der Saale. Bis heute muss mittels Eindeichung und durch den Einsatz von Pumpen Grundwasser (und auch eindringendes Hochwasser = Qualmwasser) abgepumpt werden. Diese Thematik wird auch in dem Buch „Morisco“ (1987) von Alfred Wellm für eine fiktive neue Stadt sehr detailliert aufgegriffen und dargestellt. Chefarchitekt von Halle-Neustadt war Richard Paulick - seine Stellvertreter und Leiter von Entwurfsgruppen waren Joachim Bach, Horst Siegel, Karl-Heinz Schlesier, Sigbert Fliegel und Harald Zaglmaier.


Noch vor Fertigstellung des ersten Wohnkomplexes 1968, wurde am 12. Mai 1967 die neue Siedlung vom Stadtteil zur Stadt Halle-Neustadt erklärt und das Gebiet formell aus dem Stadtgebiet von Halle (Saale) herausgelöst.


Im Gegensatz zu späteren Großsiedlungen der DDR wurde Halle-Neustadt jedoch großzügig geplant: Weite Grünanlagen, künstlich angelegte Gewässer und vor allem mit Kunst! So war und ist die auffällige Platzierung von Skulpturen im öffentlichen Raum mehr oder weniger in allen acht Wohnkomplexen (ungewöhnlicher) Standard.


Im Wohnkomplex I ist der „architektonischer Höhepunkt“ ein 380 Meter langer, 11-geschossiger Wohnblock, der so genannte „Zehner-Block“ (Foto 3) -  das größte / längste je in der DDR gebaute Wohnhaus. Damit dieser jedoch kein Sperrriegel ergibt, welcher umständlich hätte umgangen werden müssen, war er an drei Stellen mit Durchgängen für Fußgänger versehen worden. In diesem Block wohnten seinerzeit bis zu 2500 Menschen, mehr als seinerzeit in Wörlitz (ein damals oft verwendeter Vergleich).


Insgesamt wurden 33.500 Wohnungen errichtet, die Einwohnerzahl stieg auf 93.900 Einwohner an (2014: 44.000) und somit war Halle-Neustadt letztendlich eines von vielen ergeizigen Projekten aus dem Wohnungsbauprogramm der DDR. Den Bedarf an Wohnraum hat man jedoch zu keiner Zeit (bis 1990) abdecken können. Aber auch die Nahversorgung im Zentrum (zudem auch zahlreiche Stadtteilzentren in jedem Wohnkomplex) und der Anschluss an die Straßenbahn wurde bis 1990 nicht fertiggestellt (hingegen war ein S-Bahnhof vorhanden). Diese infrastrukurellen Maßnahmen erfolgten erst nach der deutschen Wiedervereinigung.

Quellen: siehe hier, H. Helbig (2014):

Eine Stadt im Umbruch - boden-

kundliche Aspekte der Nach-

nutzung ehemals bebauter

Grundstücke in Halle/Saale

           & eigene Beobachtungen

Fotos: T. Nagel (2008)

Hinweis: Im unteren Teil werden Fotos von 2014 und mögliche Maßnahmen „nach der Platte“ aufgezeigt...

Im Rahmen einer Fachexkursion bot sich mir die langersehente Verknüpfung von Hobby (diese Seite!) und meinem Beruf. Dementsprechend folgt jetzt ein recht „bodenkundlicher“ Themenblock, u.a. mit Bildern aus Halle-Neustadt aus dem September 2014.


Der Rückbau in Halle-Neustadt lässt oftmals viele Fragen einer möglichen Nachnutzung offen. In zentralen Bereichen entstanden neue Park- und Freizeitanlagen (z.B. ein Skatepark, Bild 3), ebenso wurden Plätze für und mit den Bewohnern umgestaltet. Hier ist als Vorzeigeobjekt der Tulpenbrunnen zu nennen, bei dem alle an einem Aktionstag teilgenommenden Anwohner eine Tulpe malen sollten, welche anschließend als Gestaltungselement Verwendung funden (Fotos 1 & 2). Weiter erfolgte der modellhafte Umbau zahlreicher Gebäude (u.a. Zu so genannten „Townhäusern“ mit zwei Etagen je Wohnung in einem alten Wohnblock, Foto 4). Im klassischen, oftmals auch in anderen Städten angewendeten Sinne, wurden bei zahlreichen Gebäuden die Geschosshöhen reduziert oder wie in Foto 5 (bzw. 6) Wohnungen zu Ateliers umgestaltet.  


Problematischer war hingegen die Umnutzung von Randbereichen, also westlich gelegenen Baukomplexen, wie dem WK V bzw. WK VI. Hier erfolgte die Abnahme der Bevölkerung besonders stark, so dass ein weiträumiger Rückbau stattfand (Foto 1 bis 4, rechts).

Aus Kostengründen wurden die Gebäude nur oberflächlich zurückgebaut, die Bodenplatten verblieben jedoch (perforiert) im Boden (in Foto 5 zu erkennen). Für eine Umgestaltung zur Parkanlage, u.a. mit großen Bäumen (Kosten!), sind diese Flächen aufgrund „Abseitslage“ und der Bodenplatten, also mangelnde Durchwurzelung und aus bodenkundlicher Sicht so gut wie nicht geeignet. Außerdem wäre so die Option vereitelt worden, dieses Land zu einem späteren Zeitpunkt erneut als Bauland zu verwenden (Flächenrecycling).


Letztendlich wurde sich wegen der zuvor genannten Randbedingungen für eine neue Möglichkeit der Nachnutzung ehemals bebauter Grundstücke entschieden: die Nutzung der Fläche als „Energiewald“!


Es erfolgte im Jahr 2007 der Anbau von 18.000 Pappelstecklingen mit dem Ziel der Nutzung als Kurzumtriebsplantage (= Holzhäckselgewinnung), wie in Foto 1 bis 3 zu sehen. Dieses bedeutet, dass die Pflanzen nach drei bis vier Jahren geerntet werden, wodurch der geringmächtige Boden auf die flachwurzelnden Pappeln bei der Pflanzenentwicklung kaum merklich auswirken wird, da sich kein „richtiger“ Pappelwald entwickeln soll.


Bevor Halle-Neustadt errichtet wurde, befanden sich in dem Gebiet kleinflächige Ablagerungen eiszeitlicher Ablagerungen wie Löss, Sandlöss oder diverse Geschiebefraktionen. Hierraus entwickelten sich höchstwahrscheinlich, wie im weiträumigen Umfeld von Halle auch, Schwarzerden oder Pararendzinen (eine genaue standortsspezifische Rekonstruierung ist nicht mehr möglich).

Letztendlich wurde in dem besagten Rückbaubreich des Wohnkomplexes versucht, mittels ca. 60cm mächtiger Lössüberdeckung im Rahmen der Rekultivierung eine Pararendzina zu „erstellen“ (Bild 4). Dieses ist ein kalkreicher Boden mit Humushorizont (Bild 5 - Detailaufnahme). Entsprechendes ist auf den Bildern zu sehen, wobei sich die Humusbildung nach sieben Jahren selbstverständlich noch im Anfangsstadium befindet. (Ich versuche diesen Bodenkundlichen Teil hier möglichst allgemein zu halten - weitere, vor allem fachlich genauere/korrektere Darstellungen wie Entwicklung, Bodentypbeschreibung, Boden-arten und Horizontierung gebe ich gerne auf Mail-Anfrage oder über die Links  auf der rechten Seite).

Interessante Links:


- zum Projekt: Werkstatt-Stadt.de

- zur Pararendzina: Bodentypen.de

Abschließend nun noch Fotos, welche den aktuellen Zustand von Halle-Neustadt wiederspiegeln und im Rahmen der Exkursion zum rekultivierten Bereich entstanden sind (kein Vergleich 2008 vs. 2014!):