Bautypen in der BRD - Versuch einer Einleitung



Die Literatur zum Thema „Wohnungsbautypisierung in der BRD“ bis 1990 (und darüber hinaus) ist leider sehr übersichtlich und nicht wirklich ergiebig (in Klammern jeweils die Quelle/n). Für weitere Hinweise wäre ich dankbar, ebenso für tatsächlich errichtete Typen in deutschen Siedlungen.


Erste Gebäude und Siedlungen mit vorgefertigten Komponenten erfolgten u.a. in Berlin, München und in Frankfurt-Praunheim (mit 1.441 WE) durch Ernst May in den 1920er-Jahren.[100]


In den Niederlanden wurde in Betondorp durch den Architekten D. Greiner zeitgleich die Betongroßplattenproduktion „Patent Bron“ mit 151 Wohnungen errichtet (1923-25). Der gleiche Typ wurde auch für die Splanemann-Siedlung in Berlin verwendet (die erste Plattenbausiedlung in Berlin).[100]


Ab den 1930er-Jahren kamen aus diversen europäischen Ländern mehrere Systeme in Montagebauweise, unter anderen „Larsen-Nielsen“, „Jespersen“ (jeweils Dänemark), „Skarne“ (Schweden), „Balency“ (Frankreich), „Wates“, „Reema“ oder „Bison“ (jeweils Großbritannien). 1944 wurden in den Niederlanden erstmals Tafeln von halber Geschosshöhe mit unverputzter Ziegelfassade verwendet (System „Backsteen-Montage-Bouw“). Und im Jahr 1949 wurde das französische Fertigteilsystem „Camus“ zugelassen, welches Tafelgrößen von 2,40*6,50m aufwies und zur damaligen Zeit eine Weltsensation darstellte.[100]  Bis in die 1970er-Jahre wurde Typ angewendet und auch in die Sowjetunion exportiert (um anschließend in abgewandelter Form in Osteuropa gebaut zu werden).[102]


Diese zuletzt genannte Großtafelkonstruktion „Camus“ wurde in Form von Lizenzen für den Nachbau vertrieben, u.a. an die Strabag-Bau (Berlin) und Montagebau-Thiele GmbH (Hamburg).[100] Aber auch in Italien fand dieser Typ Verwendung und wurde zum Typ „Ital-Camus“ weiterentwickelt.[102]


Da jedoch Fachwelt und Bauherren den Montagebau als eine unerprobte bzw. kurzlebige Bauform ablehnten und somit eher auf den bewährten Massivbau setzten, kam es bei der Weiterentwicklung in Deutschland massiv im vollzug. Ergänzend fühlten sich Architekten und Handwerker von einem möglichen industralisierten Wohnungsbau in ihrer Existenz bedroht, welches die Akzeptanz noch mehr schmälerte. Dieses änderte sich erst mit dem Appell von Bundeskanzler Adenauer am 29.11.1961, die Wohnungsnot schnell zu beheben. Hiermit wurde nun auch in der westdeutschen Wohnungswirtschaft eine neue Ära eingeleitet.[100]


Entsprechend wurde in Deutschland der Typ „Camus“ (in Satteldachausführung) dann u.a. 1963 in der Siedlung „Tiergartenbreite“ in Wolfsburg verwendet (Bild rechts). Weiterhin erfolgte dort auch der Experimentalbau eines Hochhauses vom schwedischen Typ „Skarne“ (welches allerdings in den 2000er-Jahren abgerissen wurde).[101]


Für die Erweiterung der Siedlung Dammerstock (Karlsruhe) wurden 110 Wohneinheiten durch den Architekten W. van der Kerhoff mit der Fertigbauweisenkonzept KER (in Zusammenarbeit mit der „Forschungsgemeinschaft Bauen + Wohnen“) errichtet. Im Jahr 1952 wurden dann in München, neben Montagewänden aus Hohlkörpern, geschosshohe Leichtbetonplatten (System Hebel) in den ECA-Siedlungen verwendet.[100]


Im norddeutschen Raum fand jedoch hauptsächlich das dänische System „Larsen & Nielsen“ Verwendung (1960er bis 1970er-Jahre), wobei dieses System anders als „Camus“ aus nicht-tragenden Außenwänden bestand und mittels Skelett errichtet wurde.[100] Eine andere Quelle gibt an, dass dieser Typ auch nach Asien, Afrika und Nord- bzw. Süd-Amerika exportiert wurde. [102]


Ab den 1960er-Jahren (bis in die 1980er) wurde in Westdeutschland, mit der Option zur Anpassung und Weiterentwicklung, der französische Mittelganghaustyp „Coignet“ errichtet. Im Gegensatz zu „Camus“ wies „Coignet“ jedoch statt 85 nur 58 unterschiedliche Bauelemente auf und stellte somit eine weitere Rationalisierung bei der Gebäudetypisierung dar (bei insgesamt 946 Bauteilen je Gebäude, 1.250 bei „Camus“).[102]


Eine weitere Rationalisierung stellte der zuvor bereits erwähnte Typ „Skarne“ aus Schweden dar: Die Abwandlung „Skarne S66“ kam sogar nur mit 22 unterschiedlichen Bauelementen bei insgesamt 548 Bauteilen je Gebäude aus. Als weiterer Bautyp erfolgte ab 1961 der Einsatz vom niederländischen Typ „Vam“ (ebenfalls aus 22 Bauelementen bestehend).[102]


Anhand dieser unterschiedlichen Bautypen mit ständiger Rationalisierung bei der Anzahl von Bauelementen, lässt sich deutlich der Enthusiasmus bei der Errichtung der ersten Großwohnsiedlungen jener Zeit ableiten:  In diese Zeit fallen u.a. das Märkische Viertel (Berlin, 1963-1974), Osterholz-Tenever (Bremen, 1968-1977), Neu-Perlach (München, 1963-1980) und Vogelsang (Mannheim, 1962-1974). Die großen Wohnungsbaugesellschaften wie „Neue Heimat“ verwendeten zum „Massenwohnungsbau“ entsprechend serienmäßige Montagesiedlungen und so wurden z. B. von den 1966 in Hamburg geförderten Wohnungen insgesamt 2.313 Wohnungen (entspricht 24,3 % aller Neubauwohnungen) und im Folgejahr  5.965 Wohnungen (38,6 %) in Großtafelbauweise errichtet. [100]



Ich bin ständig auf der Suche nach weiteren Bautypen und Serien und werde diese Rubrik weiter ausbauen! Nachfolgend folgt eine alphabetische Auflistung aller mir bisher in der Literatur vorgefundenen Bautypen - weiterlesen...





Typ „Camus“, in Wolfsburg, Tiergartenbreite

Vermutlich der Typ „Vam“ (oder ‚inspiriert’ - Belege fehlen leider) in Salzgitter-Lebenstedt

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